Chancengleichheit und maximale Qualität

Chancengleichheit und maximale Qualität

„Die Innerrhoder sind am schlausten.“ So beginnt der Artikel von Marion Loher. Wirklich schlau ist der Artikel aber nicht. Offenbar seien ausschliesslich universitärere Hochschulabschlüsse etwas wert und deren Anzahl damit Richtgrösse für die Qualität eines Bildungssystems. Dabei handelt es sich aber nicht um eine seriöse Betrachtung – sondern schlichtweg um einen tendenziösen Meinungsbeitrag, der mit selektiv ausgewählten und noch selektiver analysierten Zahlen gespickt ist.
Unser Bildungssystem ist ein Sonderfall. Nicht ausschliesslich universitäre „Papiere“ zählen etwas, sondern im selben Ausmass auch die solide Ausbildung in den Unternehmen, ergänzt mit hervorragende Berufsschulen. Gleichzeitig ist mit dem Angebot an unterschiedlichen Mittelschulen und einer hohen Dichte unterschiedlicher tertiären Bildungseinrichtungen sowohl die horizontale und vertikale Durchlässigkeit als auch die Zweckmässigkeit der Ausbildung maximal gewährleistet. Der Artikel klammert das sträflich aus.
Der Artikel ist aber nicht nur tendenziös, sondern auch handwerklich nicht überzeugend. Die Autorin wirft mit statistischen Werten um sich, ohne diese kritisch zu betrachten. Es scheint so, als ob sie genau jene Zahlen zitieren würde, welche ihre politische Meinung schön passend untermauern. Gut vorstellbar, dass in Innerrhoden die Anzahl universitärer Abschlüsse um 341 Prozent gestiegen ist. Eine vertiefte Analyse der Gründe bleibt jedoch aus.
Anstatt uns mit fragwürdigen Rankings zu beschäftigen, würden wir besser daran tun, Chancengleichheit zu gewährleisten und auf allen Bildungsstufen hohe Qualitätsanforderungen beizubehalten. Denn eins ist gewiss: Eine höhere Maturitätsquote erreichen wir nur, wenn wir die Anforderungen senken und gleichzeitig die Berufsbildung unattraktiver machen. Damit beheben wir aber den Fachkräftemangel nicht, sondern akzentuieren ihn. Was bringen denn universitäre Diplome, wenn die Jungen anschliessend keine Arbeit finden?

Leserbrief zu „St.Gallen und Thurgau hinken hinterher“, Tagblatt vom 05.12.2016. S.15